Mittwoch, später Abend
Eine Gasse hinter dem Hauptbahnhof

Der Himmel war mit bleigrauen Wolken überzogen, die von Sturmböen nach Osten getrieben wurden. Nieselregen hatte die Straßen hinter dem Bahnhof mit einem dünnen Film aus Wasser überzogen, in dem sich die Neonleuchtreklamen spiegelten. Von der Hauptstraße am Ende des Blocks drang gedämpfter Straßenlärm in die Seitengasse. Die Gasse wurde auf der einen Straßenseite durch den hohen, gemauerten Bahndamm mit seinen Rundbögen aus den Zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts begrenzt, während sich auf der anderen Straßenseite alte Mehrfamilienhäuser aus der Nachkriegszeit in den dunklen Himmel reckten, der Putz von den Abgasen der Stadt nahezu schwarz und die meisten Fenster tot und vom Schmutz blind oder mit Holzbohlen verschalt. Die Straßenränder waren zugeparkt mit alten, verbeulten PKW aus dem letzten Jahrtausend. Unrat stapelte sich an den Wänden und wurde durch den Sauren Regen langsam zu einer homogenen, muffigen Masse umgeformt, in der Ratten und anderes Ungeziefer ein neues Zuhause fanden.

„Scheißkalt“, sagte Noir und trat von einem Fuß auf den anderen. Ihre Absätze erzeugten auf den gesprungenen Gehwegplatten ein rhythmisches Tack-Tack-Tack.

„Kann ich mir denken. Deine Latexklamotten sehen auch nicht gerade warm aus.“ Marik steckte sich eine Zigarette an. Für einen kurzen Augenblick erhellte das Zippo in seiner Hand seine Gesichtszüge und ließ die tiefen Falten lange Schatten werfen. „Wieso hast du eigentlich deinen gefütterten Mantel nicht übergezogen?“

„Leck mich.“ Noir lehnte sich an eine Hausmauer. „Mache ich dir ständig Vorwürfe, dass du mit deinen Kippen meine Klamotten vollquartzt?“ Sie ging in die Hocke und wippte auf den Spitzen ihrer Ballettstiefel. „Scheiße, wieso müssen unsere Auftraggeber uns immer bei diesem Wetter vor die Tür bestellen? Wie lange noch?“

„Viertelstunde.“ Marik blies Rauchkringel in die Nacht. Von den Kanaldeckeln stieg Dampf auf, und es roch nach Fäkalien. Oben auf dem Bahndamm kreischten die Räder eines Güterzugs. „An der Hauptstraße ist ein Stehcafé. Warum gehst du da nicht hin und holst dir ’nen Sojakaffee oder so was?“

Noir stieß sich von der Ziegelmauer ab und wandte sich wortlos in Richtung Hauptstraße. Ihre hohen Absätze zerhackten die wenigen Meter zur Straßenecke. Sie überlegte, einen kurzen Sprint einzulegen, um ihren Kreislauf zusätzlich in Schwung zu bringen, entschied sich aber dagegen. Die Absätze ihrer Stiefel und das vom Regen schlüpfrige Pflaster ergaben eine Kombination, die auch bei normalem Tempo einiges an akrobatischem Geschick erforderte.

Das Stehcafé war hell erleuchtet. Klappernd fiel die Tür hinter Noir ins Schloss und sperrte die klamme Kälte der Regennacht aus. Das Café, ein einzelner Raum mit einer hohen Fensterfront zur Hauptstraße und vollgestopft mit Verkaufsautomaten, war leer, abgesehen von einem pickelnden Jüngling, der an einem der Stehtische stand und ihr über den Rand seines Laptops hinweg ungeniert auf die Brüste starrte. Informatikstudent vermutlich. Dieselben Blicke hatte sie immer kassiert, als sie selber noch zur Universität gegangen war. Aber seit sie diesen Körper zu tragen gezwungen war, hatten die Blicke merklich zugenommen.

Der Kaffee, den sie aus dem Automaten zog, war heiß und roch modrig und erdig. Das miese Wetter hatte anscheinend die Sojabohnen verdorben, aus denen die Schweizer Schweine, wie der größte Lebensmittelkonzern Mitteleuropas scherzhaft auf der Straße hieß, ihren Rattenfraß destillierten. Sie nippte an dem Plastikbecher und bereute fast augenblicklich, fünf Euro für diese Brühe ausgegeben zu haben.

Noir konzentrierte ihren Blick auf die kleine Uhr, die in das rechte untere Blickfeld ihrer Retina implantiert war. Sie hatte noch ein paar Minuten, ehe Marik sie rufen würde, weil ihr Kontakt auftauchte. Vielleicht konnte sie die Zeit nutzen und ihre Neugierde in Bezug auf den Studenten befriedigen, der sie schon wieder unauffällig über den Rand seines Laptops musterte.

Sie trat erneut an einen der Automaten und tat so, als würde sie interessiert die allgemeinen Geschäftsbedingungen studieren. Stattdessen verband sie ihr tragbares Cyberdeck mit ihrem Gehirn und nutzte den Wartungszugang des Automaten, um Zugriff auf das Netzwerk des Stehcafés zu erhalten. Die digitale Sicherheit war abysmal, die Betreiber hatten sich nicht einmal die Mühe gemacht, das Standard-Passwort für den Administratorzugriff des Automaten zu ändern. Das hatten offenbar auch schon andere Möchtegern-Hacker festgestellt, denn der Speicher der Maschine war mit digitalen Graffiti vollgestopft.

Als erstes holte sie ihre fünf Euro zurück – dieser synthetische Dreck rechtfertigte nicht, dass man dafür auch noch zahlte -, dann verband sie sich mit dem öffentlichen Router und suchte nach der Verbindung, die der junge Mann mit seinem Rechner aufgebaut hatte. Das war nicht weiter schwer, denn er hatte sich eine Hostmaske in Leet Speech verpasst. Er hatte mehrere Verbindungen geöffnet, unter anderem zu den Servern der städtischen Universität, und sein Monitor zeigte die Eingabemaske einer Programmiersprache. Die Befehle deuteten darauf hin, dass er an einem Net-Programm arbeitete, während in einem kleinen Bildausschnitt eine Serie gestreamt wurde.

Noir kopierte den gesamten Code in den Cache ihres Decks und überflog ihn. Erstaunt stellte sie fest, dass Teile davon auf einem theoretischen Paper basierten, das sie selbst geschrieben hatte. Der Typ bastelte eindeutig an einem Wurm, der in implantierten neuralen Interfaces die Hintertür für alle möglichen Sauereien öffnen konnte, von denen unerwünschte Werbeeinblendungen im Sichtfeld des Opfers noch die harmlosesten waren. Eine kurze Suche in seinem Posteingang förderte Mails zutage, denen zufolge er dafür bezahlt wurde, diesen Code zu schreiben. Andere finanzierten ihr Studium, indem sie mit Drogen dealten. Dieses Exemplar des gemeinen Studenten bastelte offenbar maliziösen Code gegen harte Euros.

Das Spiel konnte man aber auch zu zweit spielen. Und sie gehörte zur Profi-Liga. Zuerst deaktivierte sie seine Sicherheitsrichtlinien, dann injizierte sie ihre eigene Hintertür in seinem System, sodass sie auf der Ebene unter seinem Administrator-Konto auf den Rechner zugreifen konnte. Nun brauchte sie nur noch einige Speicheraufrufe, die während des Bootens abgearbeitet wurden, in besonders düstere Ecken des Nets verbiegen, und beim nächsten Start würde sein Laptop – und mit diesem seine gesamte Arbeit inklusive der Unterlagen für die Uni – in Rauch aufgehen. Seinen Cloud-Speicher kündigte sie mit einer simplen Mail, die sie in seinem Namen abschickte und legte zur Sicherheit noch ein paar Gigabyte anonymer Abuse-Meldungen an seinen Anbieter oben drauf. Damit waren auch eventuelle Backups seiner Arbeiten für immer verloren.

Sie wollte dem jungen Burschen gerade den Fangschuss verpassen, als ein Piepsen an ihrer Schläfenbasis sie unterbrach.

„Noir. Schmidt kommt.“

Noir schloss ihre Verbindung mit einem Neustart-Befehl an den Rechner des Studenten, griff den Becher mit dem Biomüll, den jemand fälschlicherweise als Kaffee etikettiert hatte und trabte los. Bedauerlicherweise würde sie die Reaktion des jungen Knaben nicht mehr mitbekommen, wenn er feststellte, dass sein Rechner Schrott war – Marik konnte einem jeden Spaß verderben.

Marik starrte in die Dunkelheit. Einige der Straßenlaternen in der Gasse hatten schon lange ihren Dienst versagt. Seine künstlichen Augen tauchten das Umfeld in den typischen grünen Schimmer elektronischer Lichtverstärkung, während der taktische Prozessor in seinem Kopf ständig Daten und Diagramme durch sein Blickfeld laufen ließ. Seine hochgezüchteten Sinne hatten ihm auch gemeldet, dass sich Noir auf dem Weg zu ihm befand, noch bevor die Tür des Stehcafés wieder zugefallen war. Das charakteristische Geräusch ihrer Schritte war ihm so vertraut wie kaum ein zweites.

Schmidt fuhr einen altersschwachen Mercedes C130, dessen Farbe irgendwo zwischen staubgrau und rostbraun lag. Der linke Scheinwerfer war zerbrochen, und der Kompressor hatte anscheinend auch schon bessere Zeiten gesehen. Es tat Marik in der Seele weh, zu sehen, wie sehr man das Fahrzeug misshandelt hatte.

Noir erreichte Marik noch vor dem Wagen. Angewidert schleuderte sie die Reste ihres Sojakaffees in einen Müllberg. Der Plastikbecher zerplatzte und überzog die Müllsäcke mit einer dünnen braunschwarzen Schicht. Sie gesellte sich zu ihrem Partner und beobachtete, wie Schmidt den Mercedes regelwidrig direkt unter einem Halteverbotsschild parkte und ausstieg.

Ihr Auftraggeber erinnerte Marik eher an einen heruntergekommenen Privatdetektiv im Stil von Perry Mason. Langer, schlammfarbener Mantel, Schlapphut, knittrige Hose, ausgelatschte Schuhe. Der Geruch nach billigem Rasierwasser ging von ihm aus. Nur der Metallkoffer, den er mit einer Kette an seinem rechten Handgelenk befestigt hatte, zeugte davon, dass hinter der Fassade mehr steckte als das, was der Mann offen zur Schau stellte. Noir musste grinsen. Irgendwie verrieten sich die Konzernsklaven doch immer.

„Herr Schmidt?“, fragte Marik.

„Ja. Ich nehme an, Sie sind Herr Marik, und dies -“ Schmidt musterte Noir, aber was er dachte, blieb im Schatten seines Huts verborgen. Sie hätte gerne gesehen, ob er genauso reagierte wie die meisten Männer, die das erste Mal mit ihr zu tun bekamen. „- dürfte Fräulein Noir sein.“ Noir verschränkte die Arme und nickte. „Dann lassen Sie mich zur Sache kommen.“ Schmidt zog ein zerknautschtes Zigarettenpäckchen aus der Tasche, schlug eine Zigarette heraus und steckte sie in den Mund. Marik bot ihm mit dem Zippo Feuer an. Noir an seiner Seite rümpfte die Nase und schnaubte leise.

„Worum geht es?“ erkundigte sich ihr Partner.

„Unsere Außendienst-Mitarbeiter haben aus dem Besitz eines unserer Klienten ein Objekt geborgen, das in der Abteilung F&E der Firma, die ich repräsentiere, für einiges an Aufregung gesorgt hat. Der Auftrag wird sich im Großen und Ganzen darum drehen, dass Sie uns zusätzliche Informationen über besagtes Objekt besorgen. Wir wissen nichts über den Ursprung und möchten nicht zu offen darüber spekulieren. Die Konkurrenz schläft nicht.“

„Über welche Summe reden wir?“ Marik hatte sich ebenfalls eine Kippe angezündet und das Zippo in seinem Ledermantel verstaut.

„Eine halbe Million Euro für Sie beide, 100 000 Euro pro Kopf als Anzahlung.“

„Das scheint Ihrer Firma recht wichtig zu sein.“ Marik blickte kurz zu Noir, die kaum merklich nickte. „In Ordnung, Herr Schmidt. Sie haben ein Team. Erzählen Sie uns ein paar Details.“ Schmidt antwortete nicht sondern hob den Koffer hoch, ließ die Schlösser aufschnappen und öffnete den Deckel. Dann drehte er den Koffer so, dass Marik und Noir den Inhalt sehen konnten. „Sieht für mich aus wie ein Gelenk aus einem Cyberarm“, kommentierte Marik.

„Das war auch der erste Gedanke meiner Auftraggeber“, nickte Schmidt. „Was sie allerdings beunruhigt, ist die vergleichsweise fortschrittliche Art der Konstruktion. Dieses unscheinbare Werkstück enthält neben den üblichen Kompositmetallen und Legierungen auch organische Komponenten. Diese wurden mit einer Kunstfertigkeit eingebracht und zu einem Hybridgelenk verbunden, von der unsere Wissenschaftler annehmen, dass wir sie frühestens in zehn Jahren erreichen werden.“ Er unterbrach sich. „Entschuldigen Sie, wenn ich nicht weiter ins Detail gehen darf. Aber die Sache wurde seitens meines Auftraggebers mit höchster Geheimhaltung eingestuft. Ich glaube auch nicht, dass es in Ihrem Sinne ist, wenn ich Sie mit weiteren technischen Details langweile.“

„Ein paar Details werden Sie uns schon noch mitteilen müssen“, erwiderte Marik neutral.

„Selbstverständlich.“ Schmidt nickte. Der Koffer auf seinen Armen zitterte leicht, als sei der Mann es nicht gewöhnt, schwere Lasten zu tragen. „Sie werden verstehen, dass wir wissen möchten, welcher unserer Konkurrenten uns hier derart übertrumpft. Bringen Sie den Hersteller dieses Stücks in Erfahrung und beschaffen Sie uns Forschungsunterlagen. Oder vernichten Sie alle Forschungsergebnisse, die Sie finden, wenn dies Ihrer Einschätzung nach einfacher ist.“

„Von wem wurde Ihnen dieses Stück zugespielt?“, fragte Noir.

„Wir haben es bei einer Wohnungsräumung im Hafenbezirk gefunden. Der ehemalige Wohnungseigentümer war ein gewisser Gordo Ramirez. Er war… Nehmen wir der Einfachheit halber an, er war mit den Mietzahlungen im Rückstand. Unsere Inkassoabteilung hat ihn mehrfach nicht angetroffen, darum haben wir seine Wohnung geräumt und seinen Besitz gepfändet. Möglicherweise finden Sie über Ramirez heraus, woher dieses Stück kommt.“

„Wohnungsauflösung?“, wiederholte Marik, bohrte aber nicht näher nach. „Die Adresse haben Sie aber, nehme ich an.“

Schmidt nickte. Dann schloss er den Koffer und nahm ihn wieder in die linke Hand, während er mit der Rechten in die Tasche seines Mantels tauchte. Er brauchte einen Moment, um einen gerollten Streifen Folienpapier hervorzuziehen und ihn Marik zu überreichen. „Das Mietshaus finden Sie im Hafenviertel. Meine Auftraggeber sind zu der Ansicht gekommen, dass Herr Ramirez möglicherweise versucht hat, das Gelenk zu verkaufen, um seine Mietschulden tilgen zu können.“

„Wenn das für den Auftrag von Relevanz ist, werden wir die Informationen prüfen und verfolgen“, sagte Marik. „Können Sie uns sonst noch etwas zu Herrn Ramirez sagen?“

Schmidt schüttelte den Kopf. „Ich bedauere, aber das war alles. Unsere Ressourcen sind begrenzt. Deswegen greifen wir in diesem Fall mit Ihrer Beauftragung auch auf externe Sachverständige zurück.“

„Ich verstehe.“ Marik warf die heruntergebrannte Zigarette auf den feuchten Asphalt und drückte sie mit der Spitze seines Kampfstiefels aus. „Wie erreichen wir Sie?“

„Meine Auftraggeber werden wissen, wenn Sie den Auftrag zu unserer vollen Zufriedenheit erfüllt haben. Ich werde dann wieder Kontakt zu Ihnen oder Ihrer Partnerin aufnehmen.“ Schmidt überreichte Marik zwei Geldchips, die dieser in seinen Mantel steckte. „200 000 Euro Anzahlung, wie vereinbart.“ Er wandte sich um, hielt aber noch einmal kurz inne. „Eines noch. Subtilität ist bei dieser Aktion von besonderer Wichtigkeit. Sollten Sie versagen, werden wir dafür Sorge tragen, dass Sie die Zusammenhänge Ihrer Tätigkeiten nicht ausplaudern können.“

„Sie haben uns engagiert, weil unser Portfolio sich mit Ihren Anforderungen gedeckt hat, Herr Schmidt“, sagte Marik und legte eine gewisse Schärfe in seine Stimme. „Sie wissen also, dass Sie sich auf unsere Verschwiegenheit verlassen können.“

Schmidt blieb eine Antwort schuldig. Stattdessen stieg er in seinen Wagen, den er unverschlossen hatte stehen lassen, ließ den Motor an und fuhr in die Nacht davon, ohne die beiden Freelancer noch eines Blickes zu würdigen.

„Der gehört nicht zu einem Konzern“, sagte Noir, kaum dass die Rücklichter des Mercedes im Meer der Neonreklamen auf der Hauptstraße untergegangen waren.

„Nein“, erwiderte Marik, „Behörde.“ Er schlug eine weitere Zigarette aus dem Päckchen und steckte sie in den Mund. Das Zippo flackerte auf. „Ich hasse es, für den Staat zu arbeiten.“

Noir legte die Hände hinter dem Rücken ineinander und nickte. „Das wird ein böses Ende nehmen.“ Sie grinste. „Gefällt mir.“