Sommer in Eibenheim.
Güldenes Sonnenlicht bricht sich in den Fensterscheiben meines Schlafgemachs und zaubert funkelnde Lichtspiele auf die gegenüberliegende Wand. Staub tanzt wie Feenglitzer durch das Zimmer und die hellen Strahlen der aufgehenden Sonne. Die Luft ist warm und riecht köstlich, nach dem frisch gebackenen Brot der nahen Backstube, gemähtem Gras und den Blumenbeeten, die Devanas Tempel und mein Wohnhaus umgeben. Leise dringen die Geräusche des erwachenden Dorfes an mein Ohr. Ich möchte nicht aufstehen, zu gemütlich ist das Lager, zu anheimelnd die Umgebung. Doch mein Pflichtbewusstsein zwingt mich, die dünne Leinendecke zurückzuschlagen und mit der Morgenwäsche zu beginnen.
Ana Godinglans, meine Schülerin, hat bereits Wasser vom Brunnen heraufgebracht und in den Waschzuber gefüllt. Trotz der hochsommerlichen Witterung ist es eiskalt und kristallklar. Ich werfe einen Blick in meinen Spiegel, dann binde ich meine blonden Haare mit einem Seidenband zurück und greife nach der Seife, einem der wenigen Luxusgüter, die ich aus Silberfall importieren lassen.
Als ich noch in Silberfall zur Akademie ging, hätte ich mir niemals träumen lassen, dereinst in einem kleinen Dorf zu leben und daran auch noch Wohlgefallen zu finden. Die Hauptstadt des Elfenreiches lässt sich nur schwerlich vergleichen mit der beschaulichen Ruhe eines Dorfes, dessen größtes gesellschaftliches Ereignis der zweiwöchentlich stattfindende Markt ist.
Doch nach dem Krieg, der die Völker Myrrahs so furchtbar entzweit hatte, begonnen und verloren von meinem eigenen Volke, sehnte ich mich nach Ruhe. So kam ich nach Eibenheim, idyllisch gelegen an der Hulda, begrenzt im Osten durch sanfte Hügelketten mit saftigen Weiden, die einen der zahllosen südlichen Ausläufer der Wolkenstürmerzinnen darstellen, und im Westen durch den Bognerforst, in dem mehrheitlich die dem Dorf seinen Namen gebenden Eiben wachsen.
Ganz freiwillig verschlug es mich indes nicht hierher. Eibenheim war vor dem Krieg eine rein satyrische Siedlung, die sich während der letzten Tage des Konfliktes einem steten Strom elfischer Flüchtlinge gegenüber sah. Obgleich die Elfen während dieser Tage unglaubliches Leid über die anderen Völker gebracht hatten, wurden die Flüchtenden herzlich aufgenommen. Als in Silberfall der Friedensvertrag unterzeichnet wurde, kehrten die meisten Familien in ihre Heimat zurück. Die verbliebenen Elfen arbeiteten hart, um sich ihren Platz in der Dorfgemeinschaft zu sichern.
Zu diesen zählte auch ich, denn ich war in den Wirren der letzten Kriegstage von meiner Einheit abgeschnitten und in einem kleinen Scharmützel mit einer satyrischen Bauernmiliz schwer verwundet worden. Zu jener Zeit kursierten bereits Gerüchte darüber, dass die Ewige Kaiserin die Waffenruhe und Kapitulation befohlen hatte. Die Bauern schafften mich zur nächsten Siedlung: Eibenheim. Dort pflegte mich die Heilerin Kassandra Albtraumkind gesund.
Seit diesem Tage, der nun bereits fünf Jahresläufe zurückliegt, lebe ich in Eibenheim und kümmere mich um das spirituelle Wohl der elfischen Bevölkerung. Ich habe mit ihnen und mit den Satyren den Tempel zu Ehren unserer Göttin Devana errichtet, finanziert nur durch Spenden der Elfen. Ich habe mir das Vertrauen der Satyre erarbeitet, und schließlich wählten mich die Einwohner Eibenheims in den Dorfrat, wo ich nun an der Seite des Bürgermeisters Cedrik Schwarzbart für die Einhaltung von Recht und Gesetz Sorge trage. Dem alten Miesepeter gefällt es indes überhaupt nicht, dass er seine Macht mit einem anderen teilen soll – und darüber hinaus noch ausgerechnet mit einer Elfe, die der Göttin dient. Um unserer Rivalität keine unnötige Nahrung zu bieten, gehe ich ihm üblicherweise aus dem Wege, solange es die Regierungsgeschäfte nicht notwendig machen, sich mit ihm auseinanderzusetzen.
Die Körperpflege ist beendet, und Ana nimmt mein Nachtgewand entgegen, um es mit der restlichen schmutzigen Wäsche zu säubern.
„Wünscht Ihr ein Frühstück, Herrin?“, erkundigt sie sich.
Ich schüttele den Kopf. „Ich werde bei Edelîn Donnerhuf frühstücken, Ana. Wenn du die Hausarbeit erledigt hast, darfst du dich zurückziehen zu deinen Studien. Ich werde den ganzen Tag auf dem Markt zu tun haben.“
„Ja, Herrin.“ Ana verbeugt sich, das Nachtgewand über dem Arm und die Waschschüssel mit dem schmutzigen Wasser in der Hand. Dann verlässt sie mein Schlafgemach.
Meine Gewänder muss ich, den Regeln des Ordens folgend, alleine anziehen. Mein Körper ist der Herrin Devana geweiht, und nicht einmal ein anderer Elf wie Ana darf seiner ansichtig werden. Lediglich zum Anlegen der schweren Kampfrüstung ist es gestattet, sich von einer Gewandemagd oder einem Gewandeburschen helfen zu lassen.
Das Gewand der Paladine Devanas besteht zunächst aus weißen Beinkleidern und für Frauen aus einem weißen Mieder, welches über dem Brustkorb geschnürt wird. Darüber tragen wir eine helle Tunika, einen wattierten Brustpanzer und einen Wappenrock, der das Wappen Devanas zeigt. In Friedenszeiten beschränkt sich das schwere Rüstzeug der Paladine auf silberne Beinschienen, und auch die Ellbogen werden durch Armschienen geschützt. Gegen den Schmutz auf den Straßen trage ich zumeist weiche Lederstiefel. Zuletzt lege ich den schmalen Ledergürtel mit dem kleinen Geldkätzchen um und befestige daran mein schlankes Langschwert, das reich mit goldenen Einlegearbeiten verziert ist.
Aus einer Schublade meines Schreibtisches entnehme ich eine kleine Schatulle, deren Vorhängeschloss ich mit einem Schlüssel entriegele, welchen ich an einem Band um den Hals trage. In der Schatulle befindet sich neben einigen Erinnerungsstücken an meine Heimat auch meine Barschaft, gezahlt vom Konzil der Göttin in Silberfall, welches dem Rat der Hohepriester untersteht. Eine Handvoll Ivorini verstaue ich in meiner Geldkatze, wo die Elfenbein-Münzen klackend aneinanderstoßen.
Die Schatulle wandert zurück in ihr Fach, dann erhebe ich mich, befreie meine Haare von dem Seidenband und verlasse mein Schlafgemach. Die Tür drücke ich einfach ins Schloss; niemand in Eibenheim würde es wagen, ausgerechnet die Paladina auszurauben. Behände steige ich die Stufen hinab und trete durch die Eingangstür hinaus in den schmalen Blumengarten, der sich um mein Haus spannt und von Ana liebevoll gepflegt wird.
Selbst zu dieser Stunde herrscht bereits geschäftiges Treiben auf den Straßen. Es ist der Vortag zum Markt-Wochenende, und schon jetzt füllen sich die Straßen mit den Fuhrwerken von Händlern und allerlei gaukelndem Volk, das aus den umliegenden Ländereien nach Eibenheim reist, um seine Waren feilzubieten und die Bevölkerung durch Schauspiel, Tanz und Gesang zu unterhalten. Die Markt-Wochenenden sind mir die liebste Zeit, erinnern sie mich doch an die belebten Straßen der Reichshauptstadt. Ich schließe die Augen und nehme die Geräusche und Gerüche in mich auf, während mir die Sonne warm das Gesicht bescheint. Beinahe ist es wie einst in der Akademie, wenn meine damalige beste Freundin Gwelen und ich uns aus dem Unterricht des alten Bereon Bleichensand schlichen und auf dem Balkon der Akademie aneinandergeschmiegt dem Treiben in Silberfalls Straßenschluchten zusahen.
Auf dem Weg zu Edelîn Fiorella Donnerhufens Gasthaus werde ich immer wieder gegrüßt und in kurze Gespräche verwickelt. Es ist Teil meiner Aufgabe: Ich erkundige mich hier nach dem Wohlergehen eines alten Familienmitgliedes, segne da den Bauch einer schwangeren Satyra und werfe dort den Ball einiger spielender Kinder wieder zurück. Es wärmt mein Herz, dass ich hier in Eibenheim erleben darf, wie die Kinder von Elfen und Satyren miteinander im Straßenstaub tollen. Hoffentlich wird es den zukünftigen Generationen vergönnt sein, in Frieden aufzuwachsen, nachdem ihre Eltern und Großeltern unter all dem Unglück des zurückliegenden Krieges zu leiden hatten.
Fiorellas Gasthaus trägt den überaus passenden Namen „Den Gefallenen Helden“. Sie selber ist eine Veteranin des zurückliegenden Krieges, eine Scharfschützin aus dem Schoße des Zentauren-Volkes, die einzige ihres Geblütes in der Stadt. Um sie und ihre Freundin, die Satyra Norska Feuerblut, ranken sich unzählige Legenden, denn die beiden waren ein unzertrennliches Gespann. Es wundert kaum, dass auch Norska nach Eibenheim kam und hier eine Schmiede eröffnete, nachdem sie zuvor viele Jahre durch Myrrah gewandert war und ihr Handwerk nur bei den besten Schmieden des Kontinentes erlernte, ihre Studien nur vorübergehend vom Kriege unterbrochen.
Die Sänge, welche über beide kursieren, ziehen natürlich allerlei neugieriges Volk nach Eibenheim. Besonders an den Markt-Wochenenden kommen zahllose Fremde im Gefolge der Händler und Gaukler in unsere Gemeinde, um den Heldinnen des Krieges nahe sein zu können. Während Fiorella derlei Heldenverehrung mit stoischer Ruhe über sich ergehen lässt und auch nicht vergisst, die eine oder andere Geschichte aus dem Krieg in klingende Münze umzuwandeln, war Norska schon häufiger in Prügeleien verwickelt, vermittels derer sie sich allzu aufdringlicher Verehrer zu erwehren suchte. Man muss die bedauernswerten Toren, die sich mit ihr anlegen, ob ihres Mutes – oder ihrer Dummheit – bewundern, denn Norska ist mit hochaufragenden zwei Schritt Körpermaß für eine Satyra überdurchschnittlich groß und eingedenk ihrer Profession auch ausgesprochen kräftig.
Ich schließe die Tür in den Schankraum hinter mir und blicke mich in der Stube um. Es ist leer; nur zwei Satyre sitzen etwas abseits an einem der Tische und genehmigen sich ein spätes Mahl. Ich kenne sie vom Sehen, sie sind Händler aus den westlichen Provinzen, jenseits der Goldenen Schärpe. Die beiden bemerken mich nicht, sondern laben sich an starkem Bier, dunklem Brot und kräftigem Bauernschinken.
Die Zentaurin blickt von dem Buch auf, als sie meiner gewahr wird, nimmt ihre langstielige Pfeife aus dem Mund und lächelt. Ich trete zu ihr an den Tresen und nehme auf einem der Hocker Platz.
„Devana zum Gruße, Edelîn Fiorella“, grüße ich sie.
„Fendithion ar do bealaí, Edelîn Arienna“, erwidert sie auf zentaurisch. „Frühstück wie immer zum Marktabend?“
„Sehr wohl.“ Ich löse meine Klinge vom Gürtel und hänge sie an einen der Haken, die zu diesem Zwecke überall in die Stützbalken der Gaststube eingeschlagen sind. „Es ist ein wundervoller Morgen. Bei diesem Wetter werden die Händler gute Geschäfte machen. Und Ihr ebenfalls.“
„Zweifelsfrei.“ Die Zentaurin reicht mir einen irdenen Becher, aus dem der kräftige Duft frisch gebrühten Tees strömt. „Der Markt wird heuer jedoch auch allerlei Gesindel in die Stadt ziehen. Am yn dda.“
„Danke.“ Ich nippe an dem heißen Sud, während Fiorella sich abwendet, um mir das Mahl zu bereiten. „Habt Ihr etwa Gerüchte gehört, dass Diebesvolk in der Stadt ist?“
Die Zentaurin stellt einen hölzernen Teller mit Brot, Käse und einem Klecks frisch bereiteter Butter auf den Tresen und lächelt. „Ihr könnt ja einmal Edelîn Norska fragen, was diese zum Thema Cigenye zu sagen hat. Aber wenn ich Euch einen Rat geben darf -“ Sie beugt sich vor. „Haltet dabei sicherheitshalber drei Schritt Abstand.“
„Sie ist nicht gut auf das Reisende Volk zu sprechen.“ Ich sage stumm ein Dankgebet, dann ziehe ich meinen Dolch aus seiner Scheide und schneide damit eine Scheibe von dem kräftigen Brot ab.
„Welcher Satyr wäre schon gut auf die Cigenye zu sprechen? Für sie sind das clanlose Gesellen.“ Fiorella zuckt mit den Schultern. „Entschuldigt mich einen Augenblick. Ich muss Euren Salat in der Küche bereiten.“
Ich nicke in Gedanken, während die Zentaurin durch eine Tür in der Küche des Gasthofs verschwindet. Üblicherweise ist dies das Refugium der Elfe Aruna Blätterkleid, die gemeinsam mit dem Satyr Joriel Blitzgeschwind in der Schankstube und dem Gasthaus aushilft, aber zu dieser frühen Stunde bedarf Fiorella ihrer Hilfe noch nicht. Wenn am Nachmittag und am Abend jedoch die Händler und das reisende Volk im „Gefallene Helden“ einkehren, werden sie alle Hände voll zu tun haben.
Ich leere den Becher in meiner Hand, wobei ich darauf Acht gebe, dass nichts vom Bodensatz in meinen Mund gelangt, dann bestreiche ich die Brotscheibe mit einer hauchzarten Schicht der weißen Butter und schneide eine ähnlich dünne Scheibe vom Käselaib ab, um mit dieser meine Brotzeit zu vervollkommnen. Fiorella bemisst die Mahlzeiten eher großzügig, da viele ihrer Gäste hart arbeiten und ein dementsprechend deftiges Mahl erwarten. Ich selber bevorzuge mein Frühstück so karg wie möglich, lehrt doch Devana, dass ein vollgefressener Bauch weniger wachsam ist als ein mit Maß genährter.
Fiorella liegt mit ihrem Einwand nicht allzu weit abseits der Wahrheit. Tatsächlich bringt das Markt-Wochenende auch immer einen Schwung ehrloser Gesellen mit sich, die lange Finger machen oder Betrug, Falschmünzerei, Hehlerei, Händel und allerlei Untugenden mehr zu begehen planen. Alle zwei Wochen hat die Gerichtsbarkeit in Eibenheim gut zu tun, und so manch einem kleinen Gauner widerfährt kurzer Prozess, ehe er sich am Schandpranger dem Beschuss durch fauliges Gemüse ausgesetzt sieht. Aber letztendlich sind es überwiegend genau dies: Kleine Gaunereien.
Und die Cigenye, nun… Sie mögen reisendes Volk sein, clanlose Gesellen aber sind sie nicht, ehren sie doch die Familie und ihre Traditionen. Viele von ihnen sind Gaukler oder Akrobaten, Musikanten oder Tänzer, aber die Cigenye bringen auch exzellente Handwerker hervor, deren Goldschmiedekunst, Schneidergeschick oder Glasbläserei ihresgleichen in ganz Myrrah sucht. Zwar gibt es auch unter ihnen schwarze Schafe, die auf einen schnellen Ivorini hoffen, doch auffällig oft in Gaunereien verwickelt, das sind sie nun wahrlich nicht.
Darüber hinaus ist das Markt-Wochenende zwar eines der bedeutenderen Ereignisse der Region, aber letztendlich kennt man sich untereinander bereits. Bei den Händlern kommt es eher selten vor, dass sich ein neues Gesicht hierher verirrt. Stattdessen wird man zwangsläufig in die Familien eingeführt, lernt den Ehepartner und die Kinder kennen, sieht diese heranwachsen, langsam reifen und das Geschäft der Eltern übernehmen.
Auch beim Bunten Volk gibt es solche, die immer wieder zum Markt kommen. Eibenheim ist ein willkommener Rastplatz auf den Handelsstraßen, die die südlichen Provinzen mit ihren exotischen Städten und reichen Plantagen mit der nördlichen Reichsstraße und den Wolkenstürmerzinnen verbinden, und wenn die Geschäfte gut laufen, dann lässt das Volk für eine gute Darbietung auch schon einmal die eine oder andere Münze springen. Kurz gesagt: Fremde fallen auf.
„Rwy’n dod eich brecwast chi.“
Der Satz auf Zentaurim reißt mich aus meinen Gedanken. Fiorella ist unbemerkt von mir aus der Küche zurückgekehrt und stellt nun eine hölzerne Schale neben meinen Teller. In dieser befindet sich ein farbenprächtiger Salat, bei dessen Anblick mir das Wasser im Munde zusammenläuft. Das Brot ist für sich schon ein Genuss, doch der Salat, der fraglos vor wenigen Augenblicken noch in Fiorellas Garten die Sonne genossen hat, ist eine Sünde. Grün-schimmernder Escariol, saftige Gurken, kräftig-orangefarbene Mohrrüben, prachtvoll rubinrote Tomaten, purpurne Zwiebeln und in hauchzarte Scheiben geschnittene schneeweiße Radieschen stellen jedes Erntefest in den Schatten. Dazu reicht die Zentaurin eine kleine Karaffe mit einer Vinaigrette aus Schwarzessig, Olivenöl und Kräutern, die zweifelsfrei aus Kassandras Garten stammen.
„Ihr verwöhnt mich zu sehr“, sagte ich und nehme schnell den letzten Bissen von meinem Brot, um mich der frischen Pracht hingeben zu können.
„Iwo.“ Mit einem lausbübischen Schmunzeln reicht mir die Zentaurin eine Zinngabel und gießt, sobald ich das Besteck entgegengenommen habe, frischen Tee in das Tongefäß. Auch für sich selber füllt sie nun einen Becher mit der dampfenden Flüssigkeit.
„Um zu dem Problem möglicher Gaunereien während des Markt-Wochenendes zurückzukehren, Edelîn Fiorella“, hebe ich an, während ich die Gabel mit dem Salat zum Mund führe, „Ihr seid mir auf meine Frage ausgewichen. Ihr wisst so gut wie ich, dass die Cigenye besser sind als ihr Ruf. Wenn wir in den kommenden Tagen Ärger durch Taugenichtse zu erwarten haben, möchte ich mich darauf gerne vorbereiten können.“
„Es gehen Gerüchte um, dass Scarlok der Grüne sich die Ehre zu geben gedenkt.“
„Der elfische Barde?“ Ich ziehe eine Augenbraue nach oben.
„Richtig.“ Fiorella nimmt einen Schluck aus ihrem Becher, dann fährt sie fort: „Scarlok zieht immer allerlei Schaulustige an, die sich seine Sänge und Fyttes anhören möchten. Das Weibsvolk liegt ihm üblicherweise zu Füßen.“
„Unverständlich, wenn Ihr mich fragt.“
Fiorella lacht amüsiert. „Ihr seid nicht unbedingt der Maßstab, was den Geschmack elfischer Frauen betrifft, Edelîn Arienna, oder Frauen ganz allgemein. Wie dem auch sei, Scarlok der Grüne wird ohne Zweifel eine gewaltige Versammlung provozieren. Ganz Eibenheim wird auf den Hufen sein. Ich kann mir gut vorstellen, dass zwielichtige Gestalten diese Gelegenheit ausnutzen werden.“
„Ob Cedrik davon weiß?“, sinniere ich.
„Der alte Schwarzbart?“ Erneut ein Lachen. „Ich will es mal bezweifeln. Unser Dorfvorstand würde niemals einem Elfen eine Bühne geben. Nein, Scarlok nimmt sich zumeist seine Bühne selber. Der fragt nicht um Erlaubnis.“
„Ich werde trotzdem mit Hêrre Schwarzbart reden müssen, fürchte ich.“ Ich seufze. „Die Herrin ist mein Zeuge, ich hätte lieber Zahnwürmer.“ Ich blicke die Zentaurin an. „Kann ich auf Euch zählen, wenn es denn wirklich zu einem Aufruhr kommt?“
„Ich werde gut zu tun haben, sollte Scarlok wirklich in Eibenheim auftauchen. Viele Fremde werden in der Stadt nach Obdach suchen. Wenn es aber zum schlimmsten kommt, sendet nach mir, und ich werde an Eurer Seite stehen.“ Fiorella legt den Finger an die Nase. „Ihr könntet Edelîn Norska fragen. Sie wird sich gewiss nicht für den Minnesang des Grünen erwärmen, und ihre Schmiede ist um die Abendstunde sicher schon geschlossen.“
Ich nicke. „Ein guter Vorschlag. Und ich bin froh, dass Ihr mir Eure Hilfe nicht versagt, obgleich Ihr Verantwortung für das ‚Gefallene Helden‘ habt. Das weiß ich zu schätzen.“ Ich leere den Becher und greife nach meiner Geldkatz. „Nun gut, ich sollte aufbrechen, damit ich meine Nachforschungen durchführen kann, ehe es Zeit wird, den Markt zu inspizieren. Zwei Ivorini, wie jeden Morgen, Edelîn Fiorella?“
„Ich dachte, ich könnte Euch vielleicht um einen Gefallen bitten“, entgegnet die Zentaurin. „Wenn Ihr ohnehin Edelîn Norska in der Schmiede besucht, könntet Ihr vielleicht einen kleinen Abstecher zu Edelîn Kassandras Kate machen und für mich Kräuter einkaufen? Ich weiß, dies gehört nicht unbedingt zu Euren Aufgaben, aber Aruna und Joriel kommen erst am Nachmittag, und mir sind einige Gewürze ausgegangen, die ich für den Mittagstisch benötige.“
Ich überlege kurz, ehe ich nicke. „Ich wollte ihr ohnedies einen Besuch abstatten, damit sie einen Blick auf die Narben werfen kann. Ich hatte zwar vor, dies erst nach dem Markt zu tun, aber nun kann ich es auch genauso gut vorziehen.“
„Ihr seid mir eine große Hilfe.“ Sie reicht mir ein Bündel aus Pergament, in dem Elfenbeinmünzen klackend zusammenstoßen. „Die Liste befindet sich auf der Innenseite. Die Ivorini sollten ausreichend sein.“
„Wenn das Geld nicht ausreicht, verbleiben noch die zwei Münzen, die ich nun spare“, scherze ich. Ernster fahre ich fort: „Ich werde Euch die Kräuter vorbeibringen, ehe ich zu Hêrre Schwarzbart gehe und den Markt inspiziere.“ Ich erhebe mich und verstaue Fiorellas Beutelchen in meiner Geldkatze. Dann greife ich nach meiner Klinge und gürte sie wieder. „Gehabt Euch wohl.“
„Fendith, Paladina Arienna“, erwidert Fiorella.