Eins: Leutnant
Diablo verstaute ihren Motorradhelm im Fach unter dem Sitz ihrer Mistral und atmete die kalte Winterluft ein, die in dieser Nebenstraße des Hamburger Schanzenviertels den sauren Geruch ranzigen Frittenfetts mit sich trug. Von der Straßenecke drangen gedämpft die Geräusche des Nachtlebens an ihr Ohr, ein ständig murmelndes schmutziges Amalgam einer vergnügungssüchtigen Gesellschaft. In dieser Gasse, die zwei der größeren Straßen miteinander verband und zu schmal war, um einem Kleinwagen Platz zu bieten, war von dem Glamour der Lokale, Spielhallen und Geschäfte nicht viel zu spüren. Besoffene verirrten sich hierher, um gegen die von Abgasen dunkelgrau verfärbten Wände zu kotzen und zu pinkeln – nicht notwendigerweise immer nur eins von beidem.
Symbolisch, dachte sie, der Dreck hinter den Kulissen verborgen unter einer dünnen Schicht frischer Farbe und blinkender Lichter, damit man den ganzen Scheiß nicht sehen musste.
Isa war schon da; sie lehnte an einem wackeligen Campingtisch, der zu einem Imbiss gehörte, welcher aus dem Hinterhoffenster einer Mietwohnung operierte. Heißer Dampf quoll aus dem Fenster, die Quelle des ranzigen Geruchs, der sich schwer auf allem absetzte, was sich hier länger als notwendig aufhielt. Bezeichnenderweise hatte Isa sich nur eine Glasflasche mit fahlrosafarben glühender Limo gekauft, um von der Besitzerin nicht verscheucht zu werden. Diablo tat es ihr gleich; die missmutige Frau im Imbiss schlug den Kronkorken am Metallrand ihrer Küchenspüle herunter, sobald sie die Plastikmünzen für das Getränk eingestrichen hatte. Sie beeilte sich, den aus dem Flaschenhals drängenden Schaum abzutrinken, ehe er sich klebrig auf ihre Hände legte, dann stellte sie sich zu Isa an den Tisch.
„Leutnant“, sagte diese und begrüßte sie, indem sie ihre Fäuste zusammenstießen.
Sie knurrte, dann erwiderte sie den Gruß. „Cowgirl. Du sollst mich nicht so nennen.“ Sie sah sich um. „Wo sind die anderen?“
Isa zuckte mit den Schultern. Ihr Mantel rutschte zur Seite und gab den Blick auf den Revolvergriff frei, der zu dem Achtschüsser gehörte, dem sie ihren Spitznamen verdankte. „Ist ja noch nicht Punkt.“
„Hatte gehofft, die Show wenigstens einmal ‘n bisschen früher über die Bühne zu kriegen. Muss schnell nach Hause.“ Diablo seufzte.
Sie konnte sehen, dass Isa eine Frage auf den Nägeln brannte, aber glücklicherweise näherten sich in diesem Augenblick von der Hauptstraße zwei Männer, die Hände in den Taschen ihrer Collegejacken vergraben und auffällig um Unauffälligkeit bemüht. Die in ihren Augen eingebaute Nachtsicht verriet Diablo, dass es sich um Kolja und Niklas handelte, die beiden Kerle, die ihr Team vervollständigen würden. Kam ihr gelegen; in ihrer Branche redete man üblicherweise nicht über privates Zeug, weil es angreifbar machte. Und auch wenn sie Isa an ihrer Seite schätzte – ihr völliges Vertrauen hatte sie sich noch nicht verdient.
„Ladies“, sagte Kolja und entlockte Isa ein Schnauben. Er warf einen Blick auf die Besitzerin des Imbiss, die die Neuankömmlinge abschätzig musterte, und zog eine Augenbraue hoch. „Beschissener Treffpunkt. Hätt‘s nicht auch McDonald‘s getan?“
„Zu viel Öffentlichkeit“, antwortete Isa und schnitt ihm, als er antworten wollte, mit einer Handbewegung das Wort ab. Mit einem Kopfnicken deutete sie auf Diablo. „Unser Auftraggeber hat sie zum Pointer gemacht. Kommst du damit klar, dass gilt, was sie sagt, oder willst du jetzt noch auf Dicke Hose machen?“
„Halt den Ball flach“, mischte sich Niklas ein. „Sehen wir lieber zu, dass wir den Deal schnell über die Bühne kriegen.“ Er zog den Zipper seiner Jacke auf und rückte die stubsnäsige Automatik zurecht, die im Bund seiner Hose steckte.
Isa zog eine Augenbraue nach oben. „Wenn du dich nicht versehentlich entmannen willst, solltest du das Ding lieber zwischen deinen Arschbacken parken.“ Diablo verbarg ein belustigtes Schnauben im Flaschenhals ihrer Limonade, aber Cowgirl war es trotzdem nicht entgangen. „Okay, Leutnant? Können wir dann?“
Sie nickte. „Wenn die Intel korrekt ist, geht unsere Zielperson jeden Freitag um diese Zeit mit ihrem Partner und seinen Chombas ins Mamonaku. Euer Job ist es, dafür zu sorgen, dass sie aufs Klo geht, das sich in der Nähe zur Hintertür befindet. Cowgirl erwartet sie dort, dann extrahiert ihr sie auf den Innenhof. Von dort improvisieren wir die Fluchtroute in Abhängigkeit davon, wie schnell ihr Output und seine Entourage den Braten riechen. Ich werde dafür sorgen, dass ihr sicher aus dem Hotspot raus kommt, also erwarte ich, dass ihr meinen Anweisungen ohne Widerspruch Folge leistet. Unser Auftraggeber zahlt nicht für beschädigte Ware. Fragen?“
„Mach keine Wissenschaft draus“, sagte Niklas und fummelte mit seiner Knarre rum. „Wir dringen nicht bei ‘ner Bank ein, das ist nur ‘ne Extraktion aus ‘ner billigen Sushibude. Kein Sicherheitsdienst, keine ernstzunehmende Opposition, keiner rechnet mit uns. Chill deine Base.“
Diablo schob den Unterkiefer vor, aber Kolja kam ihr zuvor. Er schüttelte den Kopf. „Sie hat recht. Wenn du da nicht ernsthaft dran gehst, endest du schneller im Straßengraben als du denkst. Also, kannst du nach den Regeln spielen oder machst du weiter den Dicken? Dann wär‘s mir nämlich echt recht, wenn du dich einfach verpissen könntest. Ich hänge am Leben.“
Niklas knurrte irgendwas, dann endlich steckte er die Waffe wieder in den Hosenbund. Diablo deutete mit einem Kopfnicken in Richtung der Straße. „Dann los. Cowgirl geht vor. Ich beobachte euch von oben.“
Sie wechselte einen kurzen Blick mit Isa, dann leerte sie die Limo mit einem Zug und schwang sich wieder in den Sattel ihrer Maschine, während ihre Freundin und die Männer sich in die Gegenrichtung entfernten. Der Plan sah vor, sich zunächst unter das Partyvolk zu mischen, um eventuelle Verfolger abzuschütteln, ehe sie zum Mamonaku gingen. Sie selbst beabsichtigte, die Mistral am S-Bahnhof Sternschanze abzustellen und sich von dort unauffällig zum Zielort vorzuarbeiten.
Es dauerte eine Weile, sich mit ihrem Motorrad durch den stetig wachsenden Strom junger Partygänger zu schlängeln, ohne versehentlich jemanden zu streifen. Das Schanzenviertel war schon immer eine Heimat der alternativen und studentischen Szene in Hamburg gewesen, doch in den vergangenen Jahren hatten zusätzlich die großen Vergnügungskonzerne entdeckt, dass sich das Nachtleben hier vermarkten ließ – auf andere Weise als in St. Pauli, zugegeben, aber immer noch lukrativ. Die großen Straßen, ab Freitag Abend für den Autoverkehr gesperrt, verwandelten sich in eine Kreuzung aus orientalischem Bazar und japanischem In-Viertel. Bis Sonntag in den frühen Morgenstunden wurde hier nicht geschlafen; unzählige Neonreklamen und riesige LED-Bildschirme machten die Nacht zum Tag, und eine Kakophonie aus Musik, Gelächter und dem lauten Gebimmel und Gefiepse der Spielhallen quoll zäh-glibbrig in die Straßenschluchten hinaus.
Aus einer Eingebung heraus kaufte sie in einem kleinen Elektroladen eine Kameradrohne, die sie mit ihrem Telefon und ultimativ mit ihren künstlichen Augen koppeln konnte. Dann rief sie die Karte auf, die ihr den Weg zurück zum Sushi-Restaurant zeigte.
Eine hellblau glühende Linie erschien vor ihr auf dem Asphalt, um ihr den kürzesten Weg zum Mamonaku zu weisen. Sie folgte dem nur für sie sichtbaren elektronischen Ariadnefaden, bis sie nur noch wenige Häuser von dem Lokal entfernt war. Sie wusste, dass sich neben dem Restaurant eine Spielhalle befand, die zwei Parallelstraßen miteinander verband und über ein Flachdach verfügte. Sie wechselte die Straßenseite und flanierte an dem Zielobjekt vorbei, wobei sie so tat als interessierte sie sich für das Schaufenster eines kleinen kosmetischen Chirurgen.
Das Sushi-Restaurant war im Erdgeschoss eines Mietshauses untergebracht und präsentierte sich weitestgehend schnörkellos, mit heller Beleuchtung hinter großen Glasfassaden ohne großartige Zierden. Im Inneren konnte sie das zentral angeordnete Laufband für Sushi sehen, an den Wänden standen Tische in Gruppen, an denen Gäste auch á la Carte bestellen konnten.
Der Eingangsbereich der Spielhalle beherbergte mehrere Pachinko-Automaten, die mit lautstarken Geräuscheffekten, hektischem Geflimmer und gelegentlichen japanischen Sprachfetzen um Spieler buhlten. Der Rest der Halle verschwand dahinter im Dämmerlicht, nur gelegentlich war das fahl-blaue Flackern der Bildschirme weiterer Arcade-Automaten zu sehen. Sie überquerte die Straße und betrat die Spielhalle, schlängelte sich zwischen den Automaten hindurch und fand sich auf einer Freifläche mit Billard- und Airhockey-Tischen wieder, die von den elektronischen Konsolen und vereinzelten klassischen Flippern gesäumt wurden. Sie erkannte in der Wand zum Hinterhof des Restaurants drei Türen. Zwei gehörten zu den Waschräumen der Spielhalle, die dritte war mit einem Alarmbolzen für die Brandmeldeanlage ausgestattet und stellte demzufolge einen weiteren Notausgang für die Spielhalle dar. Er lag im direkten Sichtfeld des einzigen Mitarbeiters, der hinter einem Tresen mit Snacks, Getränken und einem Geldwechsler stand und irgendwas auf einer VR-Brille ansah.
Sie verließ die Halle durch den rückwärtigen Ausgang und folgte der Fassade, bis sie auf eine Einfahrt stieß, die in den Innenhof der Gebäude führte. Das Schloss an dem uralten Holztor war beschädigt und die Torflügel standen einen Spalt weit offen, festgekeilt mit einem Backstein, den vermutlich Anwohner oder die Müllabfuhr hier platziert hatten, um zu verhindern, dass sich das Tor versehentlich schloss. Sie tat so als sei sie ein Anwohner und drückte sich durch den Spalt.
Der Innenhof war verlassen. Sie blickte sich schnell um; fast alle Häuser hatten Hinterausgänge, die auf diese Freifläche hinausführten, einige verfügten sogar über Kellertreppen. Im Halbdunkel der von den Wolken reflektierten Lichtverschmutzung konnte sie Müllcontainer ausmachen, Fahrräder, ein altes Dreirad und einen Sandkasten. Die Fenster der Häuserfronten waren dunkel, alle Bewohner waren im Viertel unterwegs. Die Rückseite der Spielhalle bildete optisch eine Ausnahme, eine glatte Metallfassade mit einer einzelnen Tür, die so deplatziert wirkte, als sei hier ein Raumschiff mitten in einem Häuserblock notgelandet.
Sie legte die Drohne auf dem Boden ab und zog ihre Lederjacke aus. Lichtreflexionen spielten auf dem mattschwarzen Metall ihrer beiden künstlichen Arme. Sie drehte die Handinnenflächen nach oben und beobachtete, wie das Licht über die unter der Oberfläche verborgenen Myomermuskeln wanderte. Der Anblick widerte sie an, jedes verdammte Mal aufs Neue, diese furchtbare Dissoziation, nicht nur zwischen Fleisch und Stahl, sondern auch in ihrem Kopf, als STEM EUs Ärzte ihr die blutigen Stümpfe ihrer Arme entfernten und gegen Maschinen ersetzten. Keine psychologische Nachbehandlung, nur kalte systematische Pflege für kalte systematische Tötungsmaschinen.
Ihre Unterarme fächerten auf, dreißig Zentimeter lange geschwungene Klingen traten heraus und wurden von chromglänzenden Hebeln und starken Myomersträngen über ihre Handrücken hinaus und nach vorne geschoben. Sie kannte die vernichtende Wirkung dieser Klingen, mit denen es problemlos möglich war, eine ausgerüstete Armee erwachsener Männer binnen Minuten auf Streifen blutigen Fleischs zu reduzieren. Nach ihrer Flucht aus den Klauen von STEM EU hatte sie sich geschworen, diese Klingen nie wieder einzusetzen. Wie idealistisch sie gewesen war. Wie naiv.
Sie band sich die Drohne mithilfe der Jacke auf den Rücken, dann rammte sie die Klingen in die Metallfassade der Spielhalle und begann mit dem Aufstieg. Sie konnte den Zug ihres eigenen Körpergewichtes in den Grundgelenken der Hebel spüren, die sich den begrenzten Platz in ihrem Handgelenk mit all den kleinen Muskelsträngen teilen mussten, die ihre künstlichen Hände bewegten. Die Waffen waren nicht zum Klettern konzipiert, sie sollten keinen Körper tragen. Sie sollten ein Weichziel vernichten.
Sie konnte die Tränen spüren. Posttraumatische Belastungsstörungen waren eine Bitch. Daran hatte auch Dacapo nie etwas ändern können.
Sie musste sich auf die Zunge beißen, um die Tränen zurückzuhalten. Mithilfe der Klingen zog sie sich über den Sims auf das Dach und robbte von der Kante weg. Ihre Arme falteten sich zusammen, die Waffen verschwanden in ihren Gehäusen, schlossen bündig mit dem sie umgebenden Stahl ab. Die Bewegung war Übelkeit erregend, weil sie so natürlich wirkte. Mehr als eine Akzeptanzlücke, eher ein ganzer Canyon.
Während sie ihre Jacke wieder überzog und die Drohne startbereit machte, wählte sie Isas Nummer. Noch ehe ihre Freundin jedoch abnehmen konnte, war deutlich ein Schuss zu hören. Dann brach auf der Querstraße die Hölle los, Schreie, Rufen und das unverwechselbare Schrillen eines Panik-Alarms.
„Shit!“, fluchte sie und warf die Drohne in die Luft.
„Leutnant.“ Isa hatte den Anruf entgegengenommen. Sie klang überraschend ruhig.
„Seid ihr okay?“ Die Drohne hopste über den First der Häuserzeile und tauchte zum Eingang des Restaurant hinunter. Menschen strömten in Panik aus der Tür, eine Frau wurde zu Boden gerissen und rollte sich gerade noch zur Seite, ehe jemand auf sie drauf trat.
„Gefickt sind wir“, antwortete Isa. „Einer von den Kerlen bei unserer Zielperson hat Niklas erkannt und ‘ne Knarre gezogen. Das entwickelt sich gerade zu ‘nem schönen Schlachtfest hier.“
„Hinterausgang“, sagte Diablo. „Ist wahrscheinlich in der Küche. Ihr könnt über den Innenhof entkommen. Ich warte dort, und wir ziehen uns zurück.“
„Ich verschwinde hier nicht ohne unseren Input.“ Ein weiterer Schuss im Hintergrund. „Shit. Kolja ist am Boden.“
„Raus! Sofort! Das ist ein Befehl!“
Sie konnte hören, dass im Innenhof eine Tür aufgerissen wurde, dann blökte ein Feueralarm los. Niklas kam herausgeflogen, dicht gefolgt von Isa, die ihre Zielperson am Arm hinter sich her zog. Ihre Freundin verpasste dem am Boden liegenden Mann einen Tritt, dann überquerte sie den Innenhof so schnell wie das mit dem sich sträubenden Input möglich war.
Diablo rappelte sich auf, rief die Drohne zu sich, sprintete über das Dach zur Parallelstraße, setzte über die Leuchtreklame der Spielhalle hinweg und ließ sich auf den Gehweg fallen. Passanten spritzten erschreckt auseinander. Sie taumelte ein bisschen, weil sie ungünstig aufgekommen war, dann stieß sie zum Rest ihres Teams, das mittlerweile aus dem Torbogen auf die Straße hinausgetreten war.
„Wohin?“, fragte Isa. Die Drohne fegte im Zickzack über die Häuserzeile.
„Call Shop.“ Diablo deutete auf eine Ladenfront auf der gegenüber liegenden Straßenseite. „Hinterausgang, dann durch die Höfe. Wir müssen Abstand gewinnen, ehe die Poldis hier sind. Wirf ihr Handy da drin weg, damit die uns nicht orten können.“
„Mattes wird euch finden“, spukte ihre Zielperson ihr zornig ins Gesicht, „und dann werden seine Leute euch jeden Knochen einzeln brechen!“
Isa stubste ihr mit dem Lauf des Revolvers in die Nierengegend. „Schwing keine Reden und gib dein Handy her.“
Diablo beobachtete mit gerunzelter Stirn, wie ihre Partnerin der jungen Frau das Telefon entwand und unschädlich machte, während sie gleichzeitig Niklas spüren ließ, dass sie ihn für den Grund hinter den Komplikationen hielt. Der Input verhielt sich keineswegs wie jemand, der überraschend von einer bewaffneten Gruppe entführt wurde. Dass ihre Begleiter ebenfalls nicht gezögert hatten, ohne Vorwarnung auf Niklas loszugehen, erhärtete ihren Verdacht, dass ihr Auftraggeber nicht ganz mit offenen Karten gespielt hatte. Überraschend kam das zwar nicht, aber es zwang sie dazu, ihre Position neu zu überdenken.
Sie durchquerten den Call Shop, wobei Diablo unsanft den hinter dem Tresen stehenden Besitzer beiseite stieß und sich dann durch die hinteren Korridore und Räume bewegte. Auf dem Hinterhof platzten sie in eine Gruppe Männer, die um eine Shisha standen; sie ignorierte sie und die wütenden Rufe auf Arabisch, die sie ihnen hinterher brüllten.
Innenhof, Hintertür, Hausflur mit irgendeiner Geruchskombination aus gekochtem Kohl, kaltem Zigarettenrauch, Babypuder und Pisse, Vordertür, Nebenstraße. Rinse and repeat. Drei oder vier Häuserblocks brachten sie auf diese Weise hinter sich, während Diablo ihre Drohne so hoch steigen ließ wie möglich, um nach den Blaulichtern der anrückenden Kavallerie Ausschau zu halten. Sie konnte den Löschzug der Feuerwache Altona sehen, der sich die Stresemannstraße hocharbeitete, während sich aus Norden das beinahe chemisch schmeckende Whelp-Geheul der Poldis näherte. Keine reguläre Polizei bisher, und die Aushilfsbullen der „Polizeilichen Dienstleister“ taten zwar immer wichtig, hatten aber ungefähr so viele Befugnisse wie ein Vierzehnjähriger mit einem Springmesser. Und dieselbe Mentalität.
Die Nebenstraßen wurden ruhiger, und Diablo gönnte ihrem Team und der Zielperson, die endlich ihr Gezeter eingestellt hatte, einen Augenblick der Ruhe, während sie einen Blick auf die Karte warf. Ihre Flucht hatte sie weit von ihrem ursprünglichen Ziel abgebracht; der Plan war gewesen, die Frau vom Bahnhof Sternschanze aus mit dem Zug zu ihrem Kontakt zu bringen. Sie entschied sich für eine Planänderung und wies ihr Navigationssystem an, stattdessen eine Route zum Bahnhof Holstenstraße zu suchen.
„Jetzt erklär mir mal, was das da in der Sushi-Bude für ‘ne Scheiße war!“, sagte Isa zornig und packte Niklas am Kragen. „Und komm mir bloß nicht mit Ausreden. Die Arschlöcher kannten dich, und deinetwegen ist Kolja vermutlich tot!“
Der Mann riss sich los. „Fass mich nie wieder so an!“ Er sackte auf dem Bordstein zusammen. „Scheiße, ja, ich kenn euren Auftraggeber, und ich kenn auch Mattes, ihren Output. Die Tussi ist die Ex von eurem Boss Bambam. Sie heißt Sventje, und sie hat bei ihrem Auszug was mitgenommen, was ihm gehört. Bambam will es zurück.“
„Kannst du knicken, Niklas“, fauchte Sventje. „Den Stick kriegt jetzt Mattes, und seine Jungs werden Bambams Leute plattmachen.“
Isa machte eine ungeduldige Handbewegung. „Stick? Ich nehme an, du redest von ‘nem Datenspeicher? Was ist da drauf?“ Die Frau verschränkte die Arme, also stieß sie Niklas mit dem Stiefel in die Seite. „Also?“
„Rote Gefahr“, sagte er widerwillig. „Ist ‘n Emma-Derivat.“
„MDMA“, ergänzte Diablo erklärend, weil Isa fragend eine Augenbraue hochzog. „Wird mit etwa zehn Prozent Crystal gepanscht. Dreckszeug.“
„Bambam vertickt das Zeug über seine Pusher in den Schulen in Altona, St. Pauli und dem Schanzenviertel“, sagte Sventje. Diablos Magen krampfte sich zusammen. „Blöd nur, dass Mattes‘ Schwester jetzt dank ‘ner Überdosis Rote Gefahr im Koma liegt. Er ist auf dem Kriegspfad, will Bambam auslöschen und jeden, der mit ihm zusammenhängt.“
„Auf dem Stick sind die Beweise?“, fragte Isa. Ihre Zielperson nickte. „Und du hast den dabei?“ Erneut ein Nicken. „Leutnant?“
Diablo saugte an ihrer Unterlippe, dann sagte sie: „Ich habe vielleicht die nötigen Kontakte, um Bambam aus dem Verkehr zu ziehen. Aber dazu brauche ich diesen Stick.“ Sie blickte Sventje ernst an. „Die Frage ist, ob du Schuld daran haben willst, wenn dein Ex und dein neuer Output hier einen blutigen Bandenkrieg vom Zaun brechen. Derzeit haben wir einen Toten und ein Opfer im Koma. Dabei wird‘s nicht bleiben, wenn du den Stick an Mattes weitergibst. Du wirst eine Entscheidung treffen müssen, Sventje.“
Niklas sprang auf. „Willst du mich verarschen? Ihr seht keinen beschissenen Euro, wenn ihr das durchzieht!“
Isa stieß ihn wieder zu Boden und knurrte: „Du hast Funkstille.“
Sventje kämpfte sichtbar mit sich. „Was ist mit Mattes?“
„Wenn er nichts damit zu tun hat, passiert ihm nichts“, antwortete Diablo. „Wenn er ebenfalls Drogen an Kinder pusht, wird die Polizei sein geringstes Problem sein. Dann muss er sich mit mir und meinen Leuten auseinandersetzen. Und das will er nicht, glaub mir.“ Ihre Drohne warf mehrere Fehlermeldungen aus, als die Verbindung wackelte. „Die Kripo ist da. Also, was sagst du?“
Die Frau senkte den Kopf und starrte auf die Spitzen ihrer Designerschuhe. Dann nickte sie entschlossen, griff in ihre Handtasche und zog eine Metallkette heraus, an der ein Speicherstick baumelte. „Hier. Ich hoffe, du machst das richtige damit.“
Diablo nahm den Stick entgegen und lächelte. „Danke. Du hast auf jeden Fall das richtige getan. Und jetzt zisch ab, ehe die Poldis dich packen.“
Sie blickten der Frau nach, die in einer Seitenstraße verschwand ohne sich nochmal umzudrehen. Dann lachte Niklas leise.
„Clever. Du hast ihr den Stick abgejagt, damit wir sie nicht durch die ganze Stadt schleifen müssen. Bambam wird sich um sie kümmern, denk ich, aber die Daten sind erst mal wichtiger.“
„Du kapierst es nicht, oder?“, fragte Isa. „Leutnant und ich unterstützen niemanden, der Drogen an Kinder vertickt.“
Seine Gesichtszüge entgleisten. „Ist ‘n Witz.“
„Wieso hör ich dann niemanden lachen.“
Er griff nach der Waffe im Hosenbund. Isa war schneller. Noch ehe er die kleine Automatik hervorgezogen hatte, starrte er in den beängstigend riesigen Lauf ihrer Fünfundvierziger. Ohne mit der Wimper zu zucken spannte sie den Abzugshahn und unterstrich damit, dass sie durchaus gewillt war, ihm hier und jetzt die Lichter auszublasen.
„In den Gulli“, befahl sie kalt. Er gehorchte und versenkte seine Waffe durch das Abflussgitter unter seinen Knien. Mit einem feuchten Schlag kam sie auf dem Laubrost auf. Sie deutete mit der freien Hand die Straße hinunter, in die Gegenrichtung von Sventjes Fluchtroute. „Verpiss dich.“
Diablo hatte die Drohne zurückgerufen. Sie fing sie aus der Luft und schaltete sie mit dem Daumen aus, dann legte sie sie auf den Fußweg. Während sie sich Sventjes Kette um den Hals legte und den Speicherstick unter ihrer Jacke verbarg, blickte sie nachdenklich hinter Niklas her, der die Straße hinunter rannte, bis er zwischen den Passanten verschwunden war.
„Scheiße“, sagte Isa aufgeräumt und verstaute mit einem breiten Grinsen ihren Revolver wieder im Halfter.Diablo nickte langsam. Dabei traf es die Fakten nicht einmal ansatzweise. Sie hatte das Geld aus diesem Job gebraucht. Sich darüber zu freuen, einen Drogenschieber von der Straße entfernt und Kinder vor dem toxischen Mist aus seinem Labor geschützt zu haben, half nur wenig angesichts der Probleme, denen sie sich im Haven würde stellen müssen. War, bei allem Idealismus, eh nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Ein anderer Pusher würde seinen Platz einnehmen.
Isa hatte gemerkt, dass sie nicht antwortete. Sie packte Diablo beim Ellbogen. „Ich weiß, du hast da diesen dringenden Termin, aber… nach dem Reinfall könnte ich jetzt ‘n Bier und ein bisschen Gesellschaft brauchen. Bist du dabei?“
Ein forschender Seitenblick. „Ärger mit Christian?“
Isa machte ein abschätziges Geräusch. „Wenn ich dich einlade, kann ich mich aus diesem Gespräch freikaufen? Will nämlich nicht drüber reden.“
„Klar.“ Diablo zuckte die Schultern. Im Grunde kam ihr die Heimlichtuerei ganz gelegen. Sie hatten schließlich alle irgendwelche Leichen im Keller, über die sie nicht reden wollten.